Im Rahmen ihrer diesjährigen Sommertour hat die Ratsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN & Volt die Jüdische Gemeinde Dortmund besucht. Im Gespräch mit dem Gemeindevorsitzenden Zwi Rappoport, Geschäftsführer Leonid Chaga und Micha Neumann, Teamleiter der Antidiskriminierungsberatungsstelle ADIRA, ging es um jüdisches Leben in Dortmund, die vielfältigen Aufgaben der Gemeinde und insbesondere um die zunehmenden Herausforderungen durch Antisemitismus.
Ausgangspunkt des Besuchs war die 1956 eingeweihte Synagoge an der Prinz-Friedrich-Karl-Straße. Die heutige Jüdische Gemeinde wurde bereits wenige Monate nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft von wenigen Überlebenden neu gegründet. Einen starken Mitgliederzuwachs erlebte sie insbesondere seit Beginn der 1990er-Jahre durch die Zuwanderung jüdischer Menschen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Heute zählt die Gemeinde rund 3.000 Mitglieder.
Dabei ist die Jüdische Gemeinde weit mehr als eine Religionsgemeinschaft. Neben Gottesdiensten und religiösem Leben gehören soziale Beratung, Jugend- und Seniorenarbeit sowie Bildungs- und Integrationsangebote zu ihren Aufgaben. Die Gemeinde ist außerdem Trägerin einer Kindertagesstätte mit 78 Kindern und engagierte sich nach Beginn des russischen Angriffskrieges auch bei der Unterstützung ukrainischer Geflüchteter.
„Jüdisches Leben gehört seit Jahrhunderten zu Dortmund und ist heute ein selbstverständlicher Teil unserer vielfältigen Stadtgesellschaft. Gleichzeitig hat uns der Besuch noch einmal sehr deutlich vor Augen geführt, wie viel Arbeit die Gemeinde weit über das religiöse Leben hinaus leistet. Sie schafft Gemeinschaft, unterstützt Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen und ist ein wichtiger gesellschaftlicher Akteur unserer Stadt“, sagt Janne Mijdam, Fraktionsmitglied von GRÜNE & Volt.
Ein besonderer Schwerpunkt des Austauschs lag auf der Arbeit von ADIRA. Die seit 2020 bestehende Beratungsstelle in Trägerschaft der Jüdischen Gemeinde unterstützt Menschen, die von Antisemitismus und anderen Formen von Diskriminierung betroffen sind. Bei antisemitischen Vorfällen ist ADIRA in der gesamten Region Westfalen-Lippe tätig, in Dortmund berät die Stelle darüber hinaus auch bei anderen Diskriminierungserfahrungen. Neben psychosozialer Unterstützung informiert das Team über Handlungsmöglichkeiten und mögliche rechtliche Schritte und begleitet Betroffene beispielsweise bei Gesprächen mit Schulen, Arbeitgeber*innen oder Behörden.
Nach Angaben der Beratungsstelle werden jährlich rund 60 Beratungsfälle bearbeitet. Etwa die Hälfte davon steht im Zusammenhang mit Antisemitismus. Die geschilderten Vorfälle reichen von antisemitischen Äußerungen in Schulen, Hochschulen und am Arbeitsplatz bis zu Beleidigungen, Bedrohungen und einem wachsenden Unsicherheitsgefühl bei Betroffenen. Besonders besorgniserregend ist, dass sich nach den Erfahrungen von ADIRA ein erheblicher Teil der antisemitischen Vorfälle gegen Kinder und Jugendliche richtet.
Deshalb setzt ADIRA neben der Beratung auf Bildungs- und Präventionsarbeit. Workshops für Erwachsene und Multiplikator*innen vermitteln Wissen über unterschiedliche Erscheinungsformen des Antisemitismus und Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit antisemitischen Vorfällen. Für Schulen wurde zudem ein gezieltes Präventionsangebot entwickelt, das mit interaktiven und methodenbasierten Formaten insbesondere auch Antisemitismus in sozialen Medien thematisiert.
„Wenn Kinder und Jugendliche antisemitisch beleidigt, bedroht oder ausgegrenzt werden, dürfen wir nicht erst reagieren, wenn etwas passiert ist“, so Mijdam. „Wir brauchen Prävention dort, wo junge Menschen ihren Alltag verbringen – vor allem in Schulen, Jugendeinrichtungen und digitalen Räumen. Einzelne Workshops sind wichtig, aber sie können eine langfristige Strategie nicht ersetzen. Antisemitismusprävention muss dauerhaft und strukturell verankert werden.“
Stadt und Land unterstützen bereits zahlreiche Projekte und Maßnahmen. Aus Sicht der Fraktion muss darauf aufgebaut und die Präventionsarbeit noch stärker miteinander verzahnt werden. Dazu gehört insbesondere, den Dortmunder Aktionsplan gegen Antisemitismus konsequent weiterzuentwickeln und umzusetzen. Schulen und andere Bildungseinrichtungen müssen gleichzeitig dabei unterstützt werden, antisemitische Erscheinungsformen früh zu erkennen, Betroffene zu schützen und Handlungssicherheit im Umgang mit Vorfällen zu gewinnen.
Auch kommunale Institutionen selbst können dabei stärker in den Blick genommen werden. Mit dem Projekt BEQUAS berät und qualifiziert ADIRA Kommunen und kommunale Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen zum Umgang mit Antisemitismus und begleitet sie beim Aufbau antisemitismuskritischer Strukturen.
„Der Kampf gegen Antisemitismus ist keine Aufgabe, die wir an die jüdische Gemeinschaft delegieren dürfen“, sagt Mijdam abschließend. „Er ist eine Aufgabe der gesamten Stadtgesellschaft und gerade auch der Politik. Jüdische Menschen müssen in Dortmund sichtbar und selbstverständlich leben können, ohne ihre Identität aus Sorge vor Anfeindungen verstecken zu müssen. Dafür braucht es Schutz und Unterstützung für Betroffene – aber ebenso konsequente Bildung und Prävention, bevor aus Vorurteilen Ausgrenzung und aus Ausgrenzung Gewalt wird.“







