Die Ratssitzung am 9. Juli war eine der wichtigsten erinnerungspolitischen Debatten der vergangenen Jahre in dieser Stadt. Nachdem auf dem Gelände der Westfalenhallen im Rahmen des Neubaus weiterer Hallen archäologische Überreste des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag VI D freigelegt wurden, haben wir mit einem umfassenden Antrag gefordert, dieser historischen Verantwortung endlich gerecht zu werden. Ziel war es, zunächst ein wissenschaftlich fundiertes Gedenkstättenkonzept zu entwickeln und erst anschließend über den weiteren Baufortschritt zu entscheiden. Hintergrund ist die außergewöhnliche historische Bedeutung der Funde, die inzwischen selbst von der Denkmalschutzbehörde und dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe als Bodendenkmal von internationaler Bedeutung eingeordnet werden.
Leider fand stattdessen ein gemeinsamer Antrag von SPD, CDU und FDP eine Mehrheit, der sich gegen einen Baustopp ausgesprochen hat. Besonders enttäuschend ist, dass unser Vorschlag, die Nachkommensorganisationen ehemaliger Kriegsgefangener aus den Stalag VI D und VI A (Dortmund und Hemer), internationale Gedenkinstitutionen wie das Institut des Nationalen Gedenkens der Ukraine sowie weitere Fachleute über ein offizielles Begleitgremium unter Vorsitz des Ersten Bürgermeisters einzubinden, ebenfalls abgelehnt wurde. Damit bleibt ein Antrag zurück, der aus unserer Sicht kaum konkrete Verpflichtungen enthält und keinen entscheidenden Schritt für eine angemessene Erinnerungskultur an diesem historischen Ort bedeutet. Die Westfalenhalle darf nun nach dem Willen der genannten Parteien den historischen Ort bebauen und die Bodendenkmäler entfernen.
Die Debatte im Rat hat zugleich deutlich gemacht, wie unterschiedlich die Fraktionen den Umgang mit diesem Ort bewerten. Die CDU warf unserem Antrag vor, die Gesellschaft belehren zu wollen. Außerdem wurde kritisiert, es fehle uns an “Maß und Mitte”, weil wir zunächst ein Gedenkstättenkonzept fordern, bevor weitere unumkehrbare Bauarbeiten erfolgen. Auch der Vorwurf, wir würden die Opfer instrumentalisieren, wurde erhoben. Für uns zeigen diese Aussagen vor allem eines: Wer die Geschichte dieses Ortes kennt, weiß, dass hier nicht über irgendeine Baustelle diskutiert wird, sondern über einen der größten Kriegsgefangenenlagerstandorte Westdeutschlands, an dem Hunderttausende Menschen entrechtet wurden und Tausende ihr Leben verloren.
Die SPD machte in ihrem Redebeitrag deutlich, dass die Westfalenhalle auch künftig vor allem ein Ort der Freude, der Veranstaltungen und großer Events bleiben solle. Dass dieser Ort gleichzeitig ein zentraler Erinnerungsort europäischer Geschichte ist, spielte in der Debatte aus unserer Sicht leider nur eine untergeordnete Rolle.
Immerhin konnten sich alle demokratischen Fraktionen auf die ersten fünf Feststellungen unseres Antrags verständigen. Damit erkennt der Rat erstmals offiziell das historische Leid der Kriegsgefangenen, die Bedeutung des Stalag VI D sowie die Verantwortung Dortmunds an. Dieses gemeinsame Bekenntnis begrüßen wir ausdrücklich. Umso größer bleibt allerdings der Widerspruch zwischen diesem historischen Eingeständnis und der fehlenden Bereitschaft von SPD, CDU und FDP, daraus konkrete Konsequenzen für den Umgang mit dem Bodendenkmal abzuleiten.
Besonders erschütternd waren schließlich die Erkenntnisse unserer Akteneinsicht nach § 55 GO NRW. Die Unterlagen zeichnen aus unserer Sicht ein Bild, bei dem nicht die Frage im Mittelpunkt stand, wie dieser international bedeutsame Erinnerungsort bestmöglich erhalten werden kann. Stattdessen wurde immer wieder deutlich, dass Bauabläufe und Terminpläne Vorrang hatten. Internationale Forderungen von Nachkommensorganisationen, Hinweise von Fachleuten sowie zahlreiche Appelle aus der Zivilgesellschaft fanden nach unserer Bewertung kaum Berücksichtigung.
Die Akten dokumentieren zudem eine Kommunikationsstrategie, bei der kritische öffentliche Debatten möglichst begrenzt werden sollten. Fachvorträge wurden abgesagt oder verschoben, während eine gleichwertige öffentliche Beteiligung zunächst ausblieb. Statt unterschiedliche Interessen zusammenzuführen, entstand aus unserer Sicht der Eindruck, dass die Kommunikation vor allem auf die Interessen der Westfalenhallen ausgerichtet wurde.
Für uns steht deshalb fest: Erinnerungskultur endet nicht mit schönen Worten in Ratsbeschlüssen. Sie zeigt sich darin, ob Politik bereit ist, historische Verantwortung auch dann wahrzunehmen, wenn sie unbequem wird. Dafür werden wir uns weiterhin einsetzen. Das sind wir den Opfern und ihren Nachkommen schuldig.









