Rede zu Gedenken an Reichspogromnacht

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Von: Astrid Cramer

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© Foto-Credit (Beitragsbild): Ingrid Silvasi

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Schilff, sehr geehrter Herr Rabbi Nosikov, verehrte Bürgerinnen und Bürger, und, ganz besonders, liebe Schülerinnen und Schüler,

85 Jahre sind vergangen seit den Novemberpogromen.

In der Nacht vom 09. auf den 10. November 1938 wurden deutschlandweit jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger ermordet, ihre Versammlungsräume und Synagogen, viele Wohnungen und Geschäfte gestürmt, geplündert, zerstört. Die Deportationen der jüdischen und anderer verfolgter Menschen begannen in den Tagen danach, Shoah und Holocaust nahmen ihren schrecklichen Lauf.

Auch die kleine Dorstfelder Synagoge, die einst an dieser Stelle stand, wurde verwüstet und zerstört. Seit 1989 erinnert uns das Denkmal von Israel Lanzmann daran.

85 Jahre. Bei einigen der hier Anwesenden waren 1938 noch nicht einmal die Großeltern geboren.

So wurden in den letzten Jahren Stimmen laut, die behaupten, dass es genug sei, sich ständig zu erinnern und zu trauern. Die Mörder seien längst tot, und die nachfolgenden Generationen trügen keine Schuld, hätten damit nichts zu tun. Warum sich also immer wieder mit diesem Thema beschäftigen?

Knapp 85 Jahre später. 07. Oktober 2023. Hamas-Terroristen griffen Israel an, drangen auf israelisches Staatsgebiet vor und töteten gezielt mindestens 1400 Zivilist*innen und Soldat*innen auf unvorstellbar barbarische Weise, eine Anzahl so hoch, wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Bis heute werden immer wieder Raketen auf den Nationalstaat des jüdischen Volkes abgeschossen, welche nur dank der Flugabwehr nicht ihre Ziele treffen.

Seither vermischt sich Kritik an der Politik der Regierung Israels zunehmend mit Antisemitismus, Jüdinnen und Juden sind erneut Hetze und Hass ausgeliefert.

Spätestens seit diesem grauenhaften Tag wissen wir, dass „Erinnern“ nicht einfach ein grauer Tag im November ist, der uns in die Herbstkälte zwingt und den wir irgendwie pflichtbewusst überstehen müssen.

Spätestens jetzt wissen wir, dass es nicht nur um Erinnern geht, sondern auch um immer wieder lernen, immer wieder verstehen, warum Israel gegründet wurde und warum es unser aller Rückhalt und jüdisches Leben unsere Solidarität braucht.

Spätestens jetzt sehen wir, dass es nicht genügt, zu sagen, „so schlimm wie damals wird es schon nicht mehr werden“.

Und spätestens jetzt wissen wir, dass der „Konflikt im Nahen Osten“ nicht nur ein abstrakter Begriff ist, mit dem wir HIER doch nichts zu tun haben. Im Gegenteil, antisemitische Übergriffe haben zugenommen, NS-Verbrechen von damals und der Angriff der Hamas von heute werden relativiert, der Terror wird nicht als solcher klar benannt, die Existenz Israels wird delegitimiert – und Jüdinnen und Juden haben, auch hier, wieder Angst um ihr Leben.

Ja, der Krieg Israels gegen die Hamas, der als Reaktion auf den Terror seit dem 07. Oktober andauert, ist schrecklich. Auf palästinensischer Seite sterben in diesen Tagen tausende unschuldige Menschen, diese Nachrichten und Bilder sind kaum auszuhalten. Nur jemand, der seine Menschlichkeit und jedes Mitgefühl verloren hat, wird es schaffen, hier Gleichgültigkeit an den Tag zu legen.

Doch Terror ist stets auch ein Angriff auf unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, und diese wiederum ist für uns nicht verhandelbar.

Was können WIR tun?

Schließlich hat keine und keiner von uns hier die Entscheidungsgewalt über das Geschehen in Israel und im Gazastreifen. Niemand von uns hat eine Standleitung zu den Politiker*innen Israels oder kann direkt auf Führer der Terrororganisationen einwirken.

Dennoch liegt es in unserer Verantwortung zu  zeigen, dass wir es ernst meinen mit „Nie wieder“. Wir können, wenn wir Antisemitismus, aber auch Rassismus gewahr werden, entschieden widersprechen.

Und wir können uns selbst reflektieren, bei unseren Reaktionen auf Bilder und Nachrichten, bei der Frage, „was davon teile ich, in meinen sozialen Netzwerken und wie gut habe ich es vorher geprüft“, bei Gesprächen und Diskussionen mit unseren Mitmenschen und bei konkreten Handlungen: Bin ich dabei wohlwollend, mitfühlend und friedlich? Oder säen meine Gedanken, Worte und Taten weiteren Hass? Bin ich selbst in meinen Zwistigkeiten und Verhandlungen fair und kompromissbereit?

Wo sollten wir beginnen, wenn nicht bei uns selbst?

So stehen wir heute am Dorstfelder Mahnmal, um nicht nur wie jedes Jahr gemeinsam an diesen düsteren Tag in der Geschichte zu erinnern, sondern auch, um uns nun selbst herauszufordern, diesen blinden Hass niemals zuzulassen oder auch nur weiterzutragen.

Die täglichen Bilder von Zerstörung und Leid mahnen uns daran, dass Frieden und Toleranz weiterhin und mehr denn je dringend gebraucht werden, und das beginnt hier, in unserem Alltag, ganz konkret.

Es liegt in unserer Verantwortung, Brücken der Verständigung zu bauen, Unwissenheit zu bekämpfen und die Menschlichkeit in den Mittelpunkt zu stellen. Nur so können wir eine Welt schaffen, in der jeder in Frieden und Würde leben kann. Besonders unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger brauchen in diesen Tagen unser aller Schutz und Rückhalt.

Diese notwendige Unterstützung wiederum rechtfertigt keinen Rassismus oder Islamfeindlichkeit. Hier geht es nicht um Entweder-Oder.

In diesem Geiste rufe ich uns alle dazu auf, uns aktiv für Toleranz, Respekt und Dialog einzusetzen.

Lasst uns miteinander reden!

Lasst uns die Erinnerung an die Opfer der Reichspogromnacht ehren, indem wir uns hier und heute für eine Welt stark machen, in der solche Gräueltaten nie wieder geschehen können.

Ich bitte nun um einen Moment Stille im Gedenken an die Opfer.

Vielen Dank.

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